Wie sich Corporate Bullshit auf die Arbeitswelt auswirkt
"Dieser ganzheitliche Blick auf unser Thought Leadership stellt sicher, dass wir mit den Key Takeaways so effektiv wie möglich Inhalte optimieren und Reputationsschäden vermeiden": Alles klar oder nichts verstanden? Die Arbeitswelt ist voll von Ausdrücken, die auf den ersten Blick Eindruck machen, sich bei genauerem Hinsehen jedoch als weitgehend inhaltsleer entpuppen.
"Corporate Bullshit" nennt der Kognitionspsychologe Shane Littrell diesen häufig absichtlich irreführenden Kommunikationsstil. In seinem Beitrag in der Fachzeitschrift "Personality and Individual Differences" hat Littrell die "Corporate Bullshit Receptivity Scale (CBRS)" vorgestellt, mit der ermittelt werden soll, wie empfänglich jemand für diese nichtssagende Unternehmensrhetorik ist.
Was Corporate Bullshit ist
"Bullshit führt in die Irre und verschleiert die Dinge mit einem Anstrich aus klug klingendem Geschwätz; Bullshit ist Lärm, der sich als Erkenntnis tarnt", schreibt Litrell. Corporate Bullshit ist demnach eine spezifische Form von Bullshit, definiert als "semantisch leerer und oft verwirrender Kommunikationsstil in organisatorischen Kontexten, der abstrakte Buzzwords und Fachjargon auf funktional irreführende Weise einsetzt".
Auch korrekt eingesetzter Fachjargon mag für Außenstehende unverständlich sein, er kann als gemeinsame Fachsprache in einem spezifischen Kontext die Kommunikation im Büro jedoch erleichtern. Corporate Bullshit ahmt diese Sprechweise dagegen nur nach und schafft damit mehr Verwirrung als Klarheit – und das häufig mit Absicht.
Warum Menschen Corporate Bullshit verbreiten
Denn Corporate Bullshit erfüllt durchaus eine Funktion. So werde die floskelhafte Rhetorik im Unternehmenskontext häufig zum einen eingesetzt, um den Eindruck von Wissen, Kompetenz, Status oder Autorität zu vermitteln.
Zum andern könne die zugleich vage und komplizierte Unternehmenssprache dazu dienen, Sachverhalte zu verschleiern, Verantwortung von sich zu weisen und die Aufmerksamkeit bewusst auf andere Dinge zu lenken.
Corporate Bullshit Receptivity Scale
Mit dem Messinstrument CBRS versucht Litrell, die Auswirkungen von Corporate Bullshit auf die Arbeitswelt sichtbar zu machen. Dafür hat er mithilfe eines "Corporate-Bullshit-Generators" Unternehmensfloskeln erzeugt und nach dem Zufallsprinzip mit echten Zitaten US-amerikanischer Topmanager kombiniert.
Herausgekommen sind Sätze, die nach viel klingen, aber nichts sagen, wie zum Beispiel "Wir werden ein neues Niveau der Cradle-to-grave-Zertifizierung verwirklichen" ("We will actualize a renewed level of cradle-to-grave credentialing") oder "Unser Ziel ist es, unsere Fähigkeiten voll auszuschöpfen, indem wir unsere Anstrengungen darauf konzentrieren, die derzeitige Weitergabe unserer Kompetenzen umzusetzen, mit unseren Change-Treibern ein innovatives Growth-Mindset voranzutreiben und dynamische Frameworks für unseren gemeinsamen Fokus zu schaffen" ("Our goal is to engage our capabilities by focusing our efforts on executing the current transmission of our empowerment, driving an innovative growth-mindset with our change drivers, and coaching energetic frameworks to our resonating focus").
Wer für Corporate Bullshit empfänglich ist
Anschließend legte Littrell die Aussagen insgesamt rund 1.000 Beschäftigten vor. Die Teilnehmenden sollten bewerten, wie viel Geschäftssinn ("business savvy") in den Sätzen ihrer Meinung nach zum Ausdruck kommt. Diese Angaben kombinierte Litrell mit weiteren kognitiven Tests unter anderem zur analytischen Denkfähigkeit.
Das Ergebnis: Teilnehmende, die die Sätze für aussagekräftiger hielten, erzielten niedrigere Werte in den Bereichen analytisches Denken, kognitive Reflexion und fluide Intelligenz. Auch bei einem Test zur Entscheidungsfindung am Arbeitsplatz schnitten sie deutlich schlechter ab. Zudem nahmen sie ihre Führungskräfte tendenziell eher als charismatisch und visionär wahr und ließen sich eher von Unternehmensleitbildern inspirieren.
"Mitarbeitende, die sich am meisten von Corporate Bullshit begeistern und inspirieren lassen, sind möglicherweise am wenigsten in der Lage, effektive und praxisnahe Geschäftsentscheidungen für ihre Unternehmen zu treffen", heißt es in der Pressemitteilung zur Studie.
Corporate Bullshit als Kulturproblem
Littrells Forschung legt überdies nahe: Wer auf Corporate Bullshit reinfällt, verbreitet ihn auch mit höherer Wahrscheinlichkeit. Die Dynamik verstärke sich demnach selbst: Mitarbeitende, die für Corporate Bullshit empfänglich sind, tragen möglicherweise zur Aufwertung von dysfunktionalen Führungskräften bei, die ihrerseits nichtssagende Floskeln verbreiten.
Auf die Dauer führe dies zu einer Art Informationsblindheit, die für das Unternehmen Reputationsschäden und finanzielle Verluste zur Folge haben könne. Sowohl am Arbeitsplatz wie anderswo sei es wichtig, sich nicht von einer Sprache täuschen zu lassen, die klug klingt, ohne es zu sein, betont Littrell. "Wenn eine Botschaft stark auf Schlagworte und Fachjargon setzt, ist das oft ein Warnsignal dafür, dass es hier mehr um Rhetorik als um Realität geht."
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