Leitsatz (amtlich)

Tritt in einer Klinik eine Streptokokkeninfektion auf, ist die Klinikleitung verpflichtet, dies den Chefärzten der Klinik mitzuteilen. Versäumt die Klinikleitung dies auch nach erneutem Auftreten von Streptokokken, so stellt jedenfalls dieser wiederholte Pflichtenverstoß einen groben Behandlungsfehler dar.

 

Normenkette

BGB § 823

 

Verfahrensgang

LG Oldenburg (Aktenzeichen 8 O 2643/97)

 

Tenor

Auf die Berufung der Kläger wird das Urteil der 8. Zivilkammer des LG Oldenburg vom 9.6.2000 abgeändert:

Die Klage gegen die Beklagten zu 1) und 2) ist dem Grunde nach gerechtfertigt. Die Klage gegen die Beklagten zu 3) bis 6) wird abgewiesen.

Die Kläger haben die außergerichtlichen Kosten der Beklagten zu 3) bis 6) zu tragen.

Der Rechtsstreit wird zur Verhandlung und Entscheidung über die Höhe des Klageanspruchs gegen die Beklagten zu 1) und 2.) an das LG Oldenburg zurückverwiesen, dem auch die Entscheidung über die Kosten im Übrigen vorbehalten bleibt.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Den Klägern bleibt nachgelassen, die Zwangsvollstreckung der Beklagten zu 3) bis 6) gegen Sicherheitsleistung i.H.d. jeweils zu vollstreckenden Betrages abzuwenden, wenn nicht die Beklagten zu 3) bis 6) vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leisten.

 

Tatbestand

Mit der Klage begehren die Kläger von den Beklagten die Leistung von Schmerzensgeld und Schadensersatz wegen des Todes ihrer Ehefrau bzw. Mutter, Frau T., die in der Zeit vom 8.3. bis 13.3.1997 in den Städtischen Kliniken D., deren Träger die Beklagte zu 1) ist, behandelt wurde. Der Beklagte zu 2) ist der ärztliche Direktor und Chefarzt der Kliniken, die Beklagten zu 3) und 4) der behandelnde Chef bzw. Oberarzt der Frauenklinik, der Beklagte zu 5) der behandelnde Chirurg. Bei dem Beklagten zu 6) handelt es sich um den im Operationsteam tätigen „Springer”.

Frau T. wurde am 8.3.1997 in den Städtischen Kliniken D. aufgenommen, wo sie einen Tag später von dem Kläger zu 2) nach einer Kaiserschnittoperation entbunden wurde. Die Operation führten Dr. H. und Dr. W. unter Aufsicht des Beklagten zu 4) durch. Nach einem unauffälligen Verlauf trat am Morgen des 10.3.1997 vorübergehend Fieber bei Frau T. auf. Darüber hinaus wies das Blutbild eine Leukozytose aus. Weiter kam es nach Entfernung der Redondrainage zu einer Nachblutung, die mehrfach im Verlauf des Tages einen Verbandswechsel erforderlich machte. Am frühen Nachmittag stellten sich hypotone Blutdruckwerte ein, die mit einer Tachykardie verbunden waren. Frau T. klagte überdies über Kreislaufprobleme. Am frühen Morgen des 11.3.1997 zeigte die durchgeführte Blutbildkontrolle einen Abfall des roten Blutfarbstoffs auf einen Wert von 7,2 g %. Der dadurch hervorgerufene Verdacht auf eine Nachblutung bestätigte sich im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung um 9.00 Uhr. Bei der auf 11.00 Uhr angesetzten Operation entfernte der Beklagte zu 4) unter Assistenz von Dr. H. und Frau v. S. ein etwa 5 cm dickes Haematom; zudem äußerte er den Verdacht auf das Vorliegen einer Sepsis. Die kurz zuvor eingeleitete Antibiotikatherapie wurde ergänzt. Aufgrund einer intraoperativ eingetretenen Schocksymptomatik musste Frau T. auf die Intensivstation verlegt werden. Am Morgen des folgenden Tages, dem 12.3.1997, fanden sich deutliche Zeichen einer Entzündung der Bauchdecken. Wegen des Verdachts einer Sepsis der Bauchdecken hielt der Beklagte zu 5) eine erneute Revisionsoperation für erforderlich, die wegen des schlechten Zustands der Patientin auf der Intensivstation stattfand. Dabei fanden die Operateure, die Beklagten zu 3) und 5), gräulich infiltrativ verändertes Subcutangewebe sowie schmierige Beläge im Bereich des Rektus abdomis vor; der gesamte Bauchraum musste revidiert werden. Von einer Entfernung der Gebärmutter als möglichem Infektionsherd nahm der Beklagte zu 5) nach einer Erörterung mit dem Beklagten zu 3) jedoch Abstand. Am 13.3.1997 wurde Frau T. in das Zentralkrankenhaus nach Bremen verlegt, wo ein septischer Uterus einer kreislaufinstabilen Patientin bei septischem Schock diagnostiziert wurde. Trotz intensivmedizinischer Bemühungen konnte dort eine durchgreifende Verbesserung des Zustandes der Frau T. nicht mehr erreicht werden. Am 8.6.1997 verstarb die Ehefrau bzw. Mutter der Kläger; nach dem Obduktionsprotokoll vom 22.7.1997 ist von einem Multiorganversagen bei septischem Schock nach Sectio caesarea als Todesursache auszugehen.

An den Operationen der Frau T. am 9.3. und 11.3.1997 war jeweils der Beklagte zu 6) als Springer beteiligt, um den Ärzten die Operationswerkzeuge anzureichen. Dieser war erst wieder seit dem 19.2.1997 in den Operationsteams tätig. Nachdem es bereits im Dezember 1996 zu einer Streptokokkeninfektion im Krankenhaus der Beklagten zu 1) gekommen war, waren dort Anfang Februar 1997 erneut mehrere derartige Infektionsfälle zu verzeichnen gewesen. Aufgrund eines vom Beklagten zu 6) am 5.2.1997 abgenommenen Rachenabstrichs war dieser als Träger von Streptokokken der Gruppe A erkannt und am 7.2.1997 aus d...

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