"In erster Linie Unternehmer und nur zufällig Steuerberater"
Herr Mag. Salihodžić, warum haben Sie sich als Steuerberater selbstständig gemacht, und was unterscheidet Sie von Kollegen?
StB Mag. Edin Salihodžić: Ich komme aus einer Unternehmerfamilie, und für mich war sehr früh klar, dass ich selbstständig arbeiten wollte. Nicht unbedingt an der Spitze eines großen Unternehmens, denn das lässt sehr wenig persönliche Freiheitsgrade. Nach meinem Studium habe ich mich daher schon als Bilanzbuchhalter selbstständig gemacht, ehe ich die Steuerberaterprüfung absolviert und dann eine Steuerkanzlei gegründet habe.
Aldina Salihodžić: Edin ist in erster Linie Unternehmer und nur zufällig Steuerberater, würde ich sagen. Zwar scheinen die Freien Berufe dafür prädestiniert, selbstständig tätig zu sein, Unternehmer sind viele dort aber nicht: Rechtsanwälte, Ärzte oder Steuerberater – sie alle sind Experten ihres Fachs, das macht sie aber nicht automatisch zu guten Unternehmern. So gesehen war es Edins Glück, dass er nicht sehr lange in der Branche gearbeitet hat und dadurch nicht stark durch sie geprägt wurde. Denn so kann er viele Dinge ganz anders machen als sie dort üblich sind.
Warum machen Sie vieles bewusst so anders?
Aldina Salihodžić: Wir wollten ein Unternehmen haben, in dem wir früher gern gearbeitet hätten.
Edin Salihodžić: Das ist die eine Seite, die Beratung, die wir anders machen, daneben steht eine Unternehmenskultur, die uns von sehr vielen unterscheidet.
Inwiefern?
Edin Salihodžić: Wir investieren sehr viel in die Mitarbeiter und geben ihnen Raum für Entwicklung. Natürlich besteht das Risiko, dass jemand trotzdem nach einem Jahr wieder geht – und wir dadurch einen finanziellen Verlust erleiden. Doch das macht vielleicht einer von zehn, neun bleiben. Aus Menschen wird oft wesentlich mehr, als man von ihnen erwartet.
Aldina Salihodžić: Außerdem erfüllt es uns auch mit Stolz, das Leben einer Person positiv verändert zu haben. Manchmal finden sich Menschen in einem ganz anderen Bereich als gedacht.
Edin Salihodžić: Man muss die Mitarbeiter beobachten, schauen, was sie gern machen. Diese zwei bis drei Sachen lässt man sie dann tun, und sucht für die übrigen acht Dinge andere Leute.
Aldina Salihodžić: Wir haben zum Beispiel eine Mitarbeiterin, die hat im Hintergrund Jus studiert, sich aber als Lohnverrechnerin beworben, was bei uns der absolute Einsteigerjob ist. Sie kam für diese Aufgabe, ist mittlerweile aber Juristin und arbeitet hier auch als solche. Es gibt Leute, die kamen ohne Buchhaltungskenntnisse zu uns, haben innerhalb kürzester Zeit die Bilanzbuchhalterprüfung abgelegt und wollen nun weiter zum Steuerberater.
Welche Menschen sind es, die sich erfolgreich bei Ihnen bewerben?
Aldina Salihodžić: Zu Beginn, wenn Sie auf der Grünen Wiese starten, kommt niemand zu Ihnen. Wir hatten also nicht nur keine passenden, sondern wir hatten gar keine Bewerbungen. Da müssen Sie sich etwas einfallen lassen. Also haben wir begonnen, auch für komische Lebensläufe offen zu sein; für viele unserer Mitarbeiter waren und sind wir der erste Arbeitgeber.
Edin Salihodžić: Erst waren wir gezwungen, so zu agieren, doch daraus hat sich eine besondere Unternehmenskultur entwickelt: Es ist hier kein Nice-to-have Wissen zu teilen, sondern die Basis, auf der wir alle gemeinsam stehen. Das wird dann zum Perpetuum mobile.
Menschen spüren sofort, ob Sie bereit sind, in sie zu investieren, oder nicht. Wichtig ist für uns in erster Linie, dass eine Person selbstständig arbeiten kann und von der Einstellung her zu uns passt. Wenn ich damit rechnen kann, dass sich der oder die Betreffende weiterentwickelt, dann interessiert sie mich – auch wenn vielleicht im Lebenslauf gar nichts passt.
Herr Salihodžić , Sie haben auch einen besonderen Beratungsansatz – wie lässt sich dieser beschreiben?
Edin Salihodžić: Ich stelle mir immer vor, dass beratene Unternehmen wäre mein eigenes. Im Fitnesscenter und andernorts überlege ich permanent nebenbei, was ich verändern, wie ich bestimmte Probleme lösen könnte. Das fließt als wesentlicher Aspekt in die Beratung ein, die sich bei uns nicht in Vergangenheitsbetrachtung erschöpft, sondern den Blick auf die Zukunft richtet.
Aldina Salihodžić: Ich glaube, es geht bei vielen generell darum, das Denken wieder stärker von innen nach außen zu lenken – und wirklich von den eigenen Voraussetzungen und der persönlichen Situation auszugehen, nicht von irgendwelchen Konzepten, die von außen kommen und die man versucht, auf sich anzuwenden.
Was ist Ihr Plan für die kommenden Jahren – weiteres Wachstum zum Beispiel?
Edin Salihodžić: Nein, nicht unbedingt. Denn wir hatten nie das Ziel, mehr Umsatz zu generieren, außer in den Aufbaujahren. Das hat sich einfach so ergeben, und wir genießen den Prozess innerhalb von zehn Jahren auf unsere heutige Größe mit 30 Mitarbeitern angewachsen zu sein. Das ist ein Rad, das halten Sie auch nicht mehr so einfach an. Geld allerdings ist keine Motivation mehr, wenn sie eine gewisse Summe verdienen. Mir geht es deshalb nicht um mehr Gewinn, sondern eher darum, in den kommenden Jahren eine Organisation zu schaffen, in der ich selbst überflüssig werde – heute funktioniert das probeweise schon für unseren zweimonatigen Sommerurlaub.
Aldina Salihodžić: Wir haben in den vergangenen Jahren bewusst darauf verzichtet, irgendwelche Hierarchien zu entwickeln und merken jetzt natürlich, dass wir eine Größe haben, die andere mit drei oder vier Partnern führen. Hier haben wir interne Projekte vor uns und glücklicherweise Mitarbeiter, die sich gerade in diese Positionen hinein entwickeln.
Wir haben seit drei Jahren komplette Gehaltstransparenz.
Gibt es ein konkretes Beispiel für eine Maßnahme, die Sie umgesetzt haben, auf die die Mehrheit der Branche vermutlich eher skeptisch blickt?
Aldina Salihodžić: Wir haben seit drei Jahren komplette Gehaltstransparenz, etwas das uns einiges gekostet hat, das wir aber sehr sinnvoll finden. Hier glaube ich, wollen eher wenige aus der Branche folgen.
Spielt es eine Rolle, dass Sie beide einen bosnischen Migrationshintergrund haben?
Aldina Salihodžić: Wir sind jung nach Österreich gekommen, und man wird von beiden Seiten früher oder später gezwungen, sich irgendwie zu entscheiden. Das musst du aber nicht – du bist, was du bist. Und noch ein wichtiger Punkt: Zwingst du dich selbst in die Opferrolle oder gehst du komplett unapologetisch nach vorne? Vielleicht habe ich einen ausländischen Namen, trage Kopftuch, und doch bin ich Teil dieser Gesellschaft, ich kann etwas und leiste meinen Beitrag.
Edin Salihodžić: Es ist doch so: Schießt ein Marko Arnautović für die österreichische Natioalmannschaft Tore, dann ist er natürlich ein Österreicher, wie, serbische Wurzeln? Wenn aber eine Bankfiliale im 10. Bezirk ausgeraubt wird, dann war es erst einmal ein gebürtiger Serbe. Mit österreichischem Pass? Ach so, egal.
Ungeachtet dessen kommt es darauf an, wie man sich selbst in einer Gesellschaft erlebt, stigmatisiert man sich selbst? Welche Ansprüche erlaubt man sich zu stellen? Es ist, wie Aldina sagt, ich bin hier und leiste meinen Beitrag. Außerdem muss ich noch betonen: Wir wurden seitens der Behörden oder Gerichte noch nie diskriminiert – da bist du eine Aktennummer, und so wirst du behandelt, ganz ungeachtet deiner Person. Das möchte ich ausdrücklich loben.
Wir haben auch einige handfeste Vorteile durch unseren Background, auf dem Bewerbermarkt, aber auch auf dem Klientenmarkt durch Sprachkenntnisse und kulturelles Verständnis.
Dennoch gibt es auch in Österreich Probleme mit der Diskriminierung von migrierten Menschen...
Edin Salihodžić: Das stimmt, ich habe vor 15 Jahren einen Job nicht bekommen, mit der Begründung, das stoße manchen Klienten auf, ein Jugo, in der Kanzlei. Damals konnte man sich das noch leisten und heute wäre das vielleicht anders; man sieht inzwischen auch Frauen mit Kopftuch in Wiener Apotheken arbeiten, der Fachkräftemangel treibt die Integration voran.
Aldina Salihodžić: Wir haben auch einige handfeste Vorteile durch unseren Background, auf dem Bewerbermarkt, aber auch auf dem Klientenmarkt durch Sprachkenntnisse und kulturelles Verständnis; gerade unter den Bewerbern sind viele, die bisher aufgrund ihres eigenen Migrationshintergrunds übersehen worden sind. Grundsätzlich glaube ich auch, dass der Mut, den wir manchmal für unseren Weg brauchen, durch unsere Kriegserfahrung als Kinder gewachsen ist. Unsere Latte für Frustration liegt dadurch woanders, das ist uns während der Pandemie bewusst geworden.
Wie messen Sie Erfolg?
Edin Salihodžić: In erster Linie wie gesagt nicht in Geld, sondern eher in Freiheit, etwa der Möglichkeit, jeden Sommer zwei Monate am Meer mit meiner wunderschönen Frau verbringen zu dürfen, und die Kanzlei läuft trotzdem genauso weiter. Wir haben unsere Mitarbeiter gefragt, ob es ihnen lieber ist, wenn wir da sind oder nicht – und die Antwort war: Es ist egal. Das ist für mich ein großer persönlicher Erfolg.
Aldina Salihodžić: Wir handeln nach der Devise: Wenn Du es richtig gut kannst, dann ist es nicht mehr deine Aufgabe. Gib' sie jemand anderem, der daran wachsen kann, und suche dir eine neue Herausforderung. Die Mitarbeiter verstehen das manchmal nicht auf Anhieb, aber es ist uns tatsächlich ernst damit, auch andere Leute dafür zu bezahlen, eine Person weiter zu entwickeln.
Edin Salihodžić: Das Ziel ist immer, dass alle etwas davon haben. Ich kann nicht intern alle fertig machen, damit der Klient zufrieden ist. Die leitenden Personen sollten sich auf die Menschen konzentrieren und sie annehmen wie sie sind. Die Wirtschaft passt sich ohnehin an.
Lassen Sie uns noch einen Blick in die Zukunft werfen – was erwarten Sie?
Aldina Salihodžić: Weiterentwicklung und Wachstum bedeutet ja nicht unbedingt immer nur größer, sondern auch besser werden. Daran arbeiten wir aktuell.
Edin Salihodžić: Wir haben die Kanzlei stark digitalisiert. Von unseren rund 400 Mandaten sind nur noch eine Handvoll auf Papier. Potenziale sehen wir vor allem im Automatisierungsgrad, und zwar in der Form, dass die Fibu über Nacht erledigt wird.
Aldina Salihodžić: Das funktioniert aber so noch nicht unbedingt und auch beim Thema KI halten wir uns derzeit noch sehr zurück, nutzen sie auch nicht für Einstiegsaufgaben wie eben die Buchhaltung, denn damit kommen die Leute ja zu uns. Meiner Meinung nach muss man nicht auf jeden Zug aufspringen, man muss an die Belegschaft denken, deren Arbeitsleben in den vergangenen fünf Jahren seit Corona sehr stark von Veränderungen geprägt worden ist. Deshalb haben wir es hier überhaupt nicht eilig.
Kanzlei Team 23, Wien
Die Kanzlei Team 23 wurde 2015 von Mag. Edin Salihodžić neu gegründet und ist seitdem ohne Zukäufe organisch auf 30 Mitarbeitende angewachsen. 60 Prozent der Belegschaft sind Quereinsteiger. Die Mandantschaft der Kanzlei besteht aus Unternehmen aller Größen und Branchen und liegt im 22. Bezirk Wiens, der Donaustadt.
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