Dating für Mitarbeitende

Relationship-Matching als strategisches HR-Instrument


Relationship-Matching: Die nächste Evolutionsstufe in HR-Tech

Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice haben zweifellos ihre Vorteile – bewirken aber auch, dass sich immer mehr Beschäftigte einsam fühlen. Anbieter neuer HR-Tools versprechen nun, Mitarbeitende anhand von Kompetenzprofilen zu vernetzen und zugleich eine neue Ära des Talent- und Skill-Managements einzuläuten.

Die nächste Evolutionsstufe digitaler Matching-Plattformen steht kurz vor dem Durchbruch: von HR kuratierte, organisationsinterne "Dating"-Plattformen, die Mitarbeitende auf Basis von Kompetenzen, Persönlichkeitsmerkmalen und Präferenzen miteinander vernetzen. Damit markieren diese Ansätze die konsequente Weiterentwicklung klassischer Talent- und Skill-Management-Systeme.

Individualisierung der Arbeit führt zu Einsamkeit

Die moderne Welt mit flexiblen Arbeitszeiten und Homeoffice führt zu einer zunehmenden Individualisierung der Arbeit. Soziale Bindungen innerhalb von Organisationen geraten dadurch zunehmend unter Druck. Dem Gallup-Bericht "State of the Global Workplace 2024" zufolge fühlen sich über 20 Prozent der Beschäftigten bei der Arbeit einsam. HR kann soziale Isolation nicht länger als Privatsache behandeln, zumal Einsamkeit Engagement senkt und Fluktuation verstärkt.

Drei Startups für mehr Beziehung bei der Arbeit

Gleich drei Startups – "Human Romance", "Love Force AI" und "HRinge" – wollen Personalabteilungen künftig dabei unterstützen, die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben professionell zu gestalten. Mit ihren KI-Tools adressieren sie die Lücke zwischen Talent- Management und Employee-Experience. Im Kern geht es bei allen drei Tools darum, passende Profile so zusammenzuführen, dass daraus eine Beziehung entstehen kann – ob kurz- oder langfristig, für Dienst- oder Lebensreisen.  

Wie die Tools arbeiten

Ähnlich wie interne Talentplattformen Projekte, Rollen und Entwicklungsmaßnahmen mit passenden Mitarbeitenden verknüpfen, sollen künftig auch zwischenmenschliche Kompatibilitäten systematisch sichtbar gemacht werden. Grundlage hierfür sind bei allen drei Anbietern umfangreiche datenanalytische Verfahren: Neben klassischen HR-Daten wie Skills, Karriereinteressen und Projekterfahrungen fließen auch Persönlichkeitsprofile ein, die mittels Natural-Language-Processing aus interner E-Mail-Kommunikation und Chatverläufen abgeleitet werden. Abgerundet wird der Ansatz durch die Analyse von Verfügbarkeits- und Kalenderstrukturen, um potenzielle Matches auch im Arbeitsalltag anschlussfähig zu machen.

Vom Skill-Match zum Relationship-Match

Der Einstieg in die Plattform erfolgt – ganz im Sinne moderner HR-Systeme – strukturiert. Bei "HRinge" geben Mitarbeitende im ersten Schritt beispielsweise an, wonach sie aktuell suchen:

  • langfristige Beziehung
  • unverbindlicher Austausch
  • kurzfristige Interaktionsformate

Optional ist auch eine Fremdnominierung vorgesehen: Führungskräfte können Mitarbeitende vorschlagen, die von bestimmten Kolleginnen oder Kollegen besonders profitieren könnten.

Im nächsten Schritt erstellt die Plattform ein Profil, das neben Basisdaten, Skills und Interessen auch sogenannte "Relational Preferences" umfasst. Diese lassen sich über ein bewusst vertraut gestaltetes Interface erkunden: Profile können bestätigt oder – per Wischbewegung – verworfen werden.

Weniger Homeoffice, mehr Präsenz

Im Hinblick auf den organisationalen Nutzen zeichnen sich bereits erste belastbare Effekte ab: Unternehmen aus der Pilotphase berichten, dass personalisierte Matching-Empfehlungen die Anwesenheit im Büro erhöht haben. Mitarbeitende seien eher bereit, ins Büro zu kommen, wenn dort relevante soziale Kontakte oder "hoch kompatible Begegnungen" zu erwarten sind –idealerweise mit Anschlussfähigkeit über den Arbeitstag hinaus.

Sean Madeen von Love Force AI spricht in diesem Zusammenhang von einer "Social Gravity", die physische Präsenz wieder attraktiver macht. In ersten Pilotprojekten konnte seinen Angaben zufolge die Homeoffice-Quote messbar reduziert werden – ohne formale Vorgaben, sondern allein durch gesteigerte intrinsische Motivation.

Soziale Einbindung könnte Fehlzeiten senken

Langfristig könnten die neuen Systeme auch positive Auswirkungen auf Arbeitszeitmodelle haben. Die dahinterstehende Hypothese: Wer stärker sozial eingebunden ist und mehr sinnstiftende Interaktionen erlebt, zeigt eine höhere Bereitschaft, Arbeitszeit auszuweiten. In der HR-Community wird bereits diskutiert, ob sich damit nicht auch gesamtwirtschaftliche Zielgrößen wie Arbeitsvolumen und Fehlzeiten indirekt beeinflussen lassen.

Mit Dating-Plattformen die Standortattraktivität erhöhen

"Mitarbeitende finden und binden" – HR-Verantwortliche sehen in internen Dating-Plattformen einen potenziellen Hebel, um Fachkräfte nachhaltiger an das Unternehmen zu binden. Besonders dynamisch entwickelt sich der Einsatz der Technologie im standortübergreifenden Personalmanagement: Standorte, die bislang als weniger attraktiv galten, könnten durch gezielte "High-Compatibility-Matches" deutlich aufgewertet werden. Wenn persönliche Passung und soziale Integration stimmen, steigt offenbar die Bereitschaft, auch weniger gefragte Standorte in Betracht zu ziehen.

Neue Dimension der Personal- und Karriereentwicklung

Besonders interessant ist die von "Human Romance" realisierte enge Verzahnung mit der Personalentwicklung. Der Anbieter argumentiert, dass Beziehungen nicht nur emotional, sondern auch funktional betrachtet werden können. So lassen sich gezielt "komplementäre Profile" zusammenführen: Mitarbeitende mit ausgeprägten analytischen Fähigkeiten, aber gering entwickelten sozialen Kompetenzen, werden mit Kolleginnen und Kollegen gematcht, die genau diese Stärken einbringen. Erste Tests deuten darauf hin, dass solche Paarbildungen positive Effekte auf Soft Skills, Feedbackkultur und Lernverhalten haben.

Darüber hinaus adressiert der Ansatz ein bekanntes Dilemma der Karriereentwicklung. Wird Karriere primär als vertikaler Aufstieg entlang begrenzter Hierarchiestufen verstanden, entstehen Engpässe, Konkurrenz und Frustration. Mit den neuen Dating-Systemen setzen Organisationen auf horizontale Karrierekonzepte als Alternative zur vertikalen Beförderung.

Anbieter setzen auf Governance und Compliance

Aufgrund der Sensibilität legen die Anbieter besonderen Wert auf Governance- und Compliance-Mechanismen. Beziehungen entlang direkter Berichtslinien werden systemseitig konsequent ausgeschlossen. Ergänzend kommen Funktionen zur frühzeitigen Identifikation potenzieller Interessenkonflikte zum Einsatz. 

Chancen und Risiken managen

Die Einführung neuer Methoden erfordert nicht nur, ihren unmittelbaren Nutzen zu bewerten, sondern auch mögliche Entwicklungen vorausschauend zu durchdenken – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Für den Fall des Scheiterns von Beziehungen sollte parallel zur Dating-KI ein Trennungsmanagement etabliert werden, um betroffenen Mitarbeitenden strukturiert bei möglichen Konflikten und beim Übergang in eine neue Beziehung zu unterstützen. Typische Maßnahmen sind Beziehungsberatung, Coaching, Hilfe bei der Gestaltung des Dating-Profils sowie Kommunikationstraining.

Für das günstige Szenario gibt es eine Schnittstelle zu den in vielen Unternehmen bereits etablierten Programmen zur Unterstützung bei der Familienplanung. Benefits sind hier Beratung zu Kinderwunsch und Fruchtbarkeit, Zyklus-Tracking, finanzielle Unterstützung bei Fertilitätsleistungen sowie Beratung zu Adoptionsfragen. Eine Zusammenarbeit mit Anbietern wie Carrot Fertility, Fertifa oder Peppy Health ist naheliegend, bislang ist davon aber nichts bekannt.

Emotionale Wertschöpfung als unterschätze Kennzahl

Ob sich der "Internal Relationship Marketplace" als fester Bestandteil moderner HR-Systeme etabliert, bleibt abzuwarten. Wie immer gilt: Die Leistungsfähigkeit eines Algorithmus hängt maßgeblich von der Qualität der Daten ab. Wenn es gelingt, den Datenschutz hoch und die Gefahr der Objektifizierung der Mitarbeitenden klein zu halten, hat das von HR kuratierte organisationsinterne Dating großes Potenzial – nicht zuletzt für eine bislang eher unterschätzte Kennzahl: die emotionale Wertschöpfung.


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Schlagworte zum Thema:  Personalentwicklung
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