Unternehmen investieren zu wenig in KI-Kompetenz
In deutschen Organisationen zeigt sich ein strukturelles Missverhältnis: Zwar sehen 91 Prozent der befragten Unternehmen Künstliche Intelligenz (KI) als zentral für ihr Geschäftsmodell und 82 Prozent planen höhere Investitionen in entsprechende Technologien. Gleichzeitig plant jedoch nur jedes vierte Unternehmen, in naher Zukunft substanziell in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Acht von zehn befragten Unternehmen können zudem die Wirkung ihrer Qualifizierungsmaßnahmen nicht belastbar messen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Corporate AI Learning", die der Personaldienstleister Amadeus Fire Group im Auftrag der Allianz der Chancen durchgeführt hat.
Unternehmen brauchen gezieltere KI-Qualifizierung
Die Allianz der Chancen ist eine branchenübergreifende Verantwortungsgemeinschaft von Unternehmen, die von Transformation betroffene Arbeitskräfte untereinander vermittelt. Für die Studie führte die Amadeus Fire Group KI-gestützte Tiefeninterviews mit HR-Verantwortlichen aus Mitgliedsunternehmen der Allianz der Chancen. Ein KI-Agent stellte dabei die Fragen und passte sie dynamisch an die Antworten der Gesprächspartner an. Die Befragten kamen aus verschiedenen Branchen und Unternehmen unterschiedlicher Größe.
Dabei zeigte die Studie, dass sich in den Unternehmen der Fokus von Pilotprojekten hin zur breiten Implementierung generativer und zunehmend autonomer KI-Systeme verschiebt – auch wenn Deutschland im internationalen Vergleich immer noch hinterherhinkt. So nutzte im Jahr 2025 lediglich jedes vierte Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten entsprechende Technologien. Bei Großunternehmen liegt der Anteil immerhin bei 57 Prozent.
Mit der zunehmenden Nutzung steigen jedoch auch die Anforderungen an die Beschäftigten. Mitarbeitende müssen KI-Anwendungen nicht nur bedienen, sondern ihre Ergebnisse bewerten, steuern und in Arbeitsprozesse integrieren. Bislang gibt allerdings nur rund ein Fünftel der Berufstätigen in Deutschland an, im Unternehmen eine KI-Schulung erhalten zu haben. In vielen Organisationen fehlen zudem grundlegende Voraussetzungen für systematische Qualifizierung: verbindliche Kompetenzmodelle, feste Lernzeiten und eine strukturierte Erfolgsmessung.
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Niveau von KI-Weiterbildungen lässt oft zu wünschen übrig
Doch selbst wenn Unternehmen ihren Mitarbeitenden KI-Weiterbildungen anbieten, schließen sich die Qualifizierungslücken nicht automatisch. Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) zeigen, dass viele Angebote derzeit am tatsächlichen Bedarf der Wirtschaft vorbeigehen und häufig nur wenig Praxisbezug haben. In zahlreichen Kursen lernen Teilnehmende vor allem, generative KI-Tools wie Chat GPT zu bedienen. Aspekte wie der Umgang mit Daten, die Bewertung von Modellen oder die Integration von KI in bestehende Unternehmenssysteme kommen dagegen oft zu kurz.
Einige Anbieter würden laut F.A.Z. versuchen, vom hohen Bedarf an KI-Weiterbildung zu profitieren, obwohl ihre Programme nur begrenzte Qualität aufweisen. Zwar müssen Weiterbildungen bestimmte Kriterien erfüllen, um etwa im Rahmen des Qualifizierungschancengesetzes – einem Förderprogramm der Bundesagentur für Arbeit zur Unterstützung beruflicher Weiterbildung – gefördert zu werden. Allerdings fehlt es teilweise auch den Zertifizierungsstellen an ausreichend KI-Expertinnen und -Experten, um die Inhalte der Kurse fundiert zu bewerten.
KI-Weiterbildung: Klare Qualitätsmaßstäbe gefragt
"Die aktuelle Diskussion um geförderte KI-Weiterbildungsmaßnahmen zeigt, wie wichtig klare Qualitätsmaßstäbe in einem stark wachsenden Markt sind", sagt Thomas Mück, Geschäftsführer der Tüv Nord Akademie, auf Anfrage der Haufe-Redaktion. Als Bildungsanbieter und Zertifizierer für förderfähige Weiterbildungsmaßnahmen verfolge die Tüv Nord Group den Anspruch, KI-Weiterbildung nicht auf einzelne Tools oder kurzfristige Trends zu reduzieren.
"Im Mittelpunkt stehen ein solides technisches Grundverständnis, transparent definierte Lernziele, qualifizierte Dozentinnen und Dozenten sowie die konkrete Anwendbarkeit der Inhalte im beruflichen Alltag. Staatlich geförderte Weiterbildung muss aus unserer Sicht einen echten Qualifizierungsnutzen für die Teilnehmenden bieten." Dazu gehören für ihn belastbare Inhalte, nachvollziehbare didaktische Konzepte und eine klare Ausrichtung an den tatsächlichen Anforderungen von Unternehmen und Arbeitsmarkt.
Was Politik und Unternehmen jetzt tun sollten
Laut den Autorinnen und Autoren der "Corporate AI Learning"-Studie braucht es deshalb sowohl auf politischer als auch auf betrieblicher Ebene deutlich stärkere Anstrengungen beim Aufbau von KI-Kompetenzen. Für die Politik nennt die Allianz der Chancen in einem Positionspapier mehrere zentrale Handlungsfelder. Dazu zählen rechtssichere Experimentierräume für KI-Anwendungen, eine verbindlichere Integration von KI-Kompetenzen in Ausbildung und Weiterbildung sowie steuerliche Anreize und kofinanzierte Programme – insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen. Auch schnellere Genehmigungsverfahren für risikoarme KI-Lernanwendungen könnten Innovation und Qualifizierung beschleunigen.
Parallel dazu sollten Unternehmen KI-Qualifizierung strategischer angehen. Der begleitende Praxisleitfaden der Studie empfiehlt, Weiterbildungsprogramme stärker an konkreten Geschäftsprozessen und Rollenprofilen auszurichten. Entscheidend sei dabei nicht nur die Schulung selbst, sondern die Frage, in welchen Bereichen KI den größten Produktivitätsgewinn verspricht und welche Kompetenzen dafür gezielt aufgebaut werden müssen.
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