Arbeitsmarktintegration: Erwerbstätigkeit von Geflüchteten

Mit wachsender Aufenthaltsdauer steigt die Erwerbstätigkeitsquote von geflüchteten Menschen deutlich an. Gut jeder zweite Geflüchtete ist nach sechs Jahren in Deutschland erwerbstätig. Nach acht Jahren sind es bereits mehr als zwei Drittel. Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Anders als Migrantinnen und Migranten, die auf Basis des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes nach Deutschland kommen (so genannte Erwerbsmigration), haben es geflüchtete Menschen deutlich schwerer, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Dies liegt beispielsweise an fehlender Arbeitserlaubnis oder an Sprachproblemen. Aufgrund solcher institutioneller und individueller Hürden, insbesondere zu Beginn des Aufenthalts der Geflüchteten, sind die Erwerbstätigenquoten mit weniger als 10 Prozent im ersten Jahr nach dem Zuzug noch gering.

Nach rund sechs Jahren ist die Mehrheit der Geflüchteten erwerbstätig

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer steigen die Erwerbstätigenquoten jedoch deutlich an: Im Durchschnitt erreichen sie sechs Jahre nach dem Zuzug 57 Prozent, sieben Jahre nach dem Zuzug 63 Prozent und bei einer Aufenthaltsdauer von acht und mehr Jahren 68 Prozent. 90 Prozent aller beschäftigten Geflüchteten gingen 2022 einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach.

Das zeigen Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Studie beruht auf Paneldaten der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten.

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer steigt auch die Beschäftigungsqualität

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer stiegen nicht nur die Erwerbstätigenquoten, auch die Beschäftigungsqualität verbesserte sich. So waren 76 Prozent der beschäftigten Geflüchteten, die 2015 zugezogen sind, 2022 in Vollzeit beschäftigt (2021 waren es lediglich 65 Prozent). Die mittleren Bruttomonatsverdienste lagen für Vollzeiterwerbstätige der 2015 zugezogenen Kohorte bei 2.570 Euro, für alle erwerbstätigen Geflüchteten bei 2.250 Euro.

Geflüchtete erzielen niedrigere Stundenlöhne als der Durchschnitt der Beschäftigten

Mit einem mittleren Bruttostundenlohn von 13,70 Euro lagen die mittleren Verdienste der 2015er-Kohorte im Jahr 2022 über der Niedriglohnschwelle von 12,50 Euro in Deutschland. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Bruttostundenlohn aller in Deutschland Beschäftigten liegt bei 24,59 Euro. Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass das Durchschnittsalter der Geflüchteten sehr viel niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt ist und ihre Verdienste aufgrund der stark senioritätsbezogenen Entlohnung in Deutschland schon allein aufgrund ihres Lebensalters und der kürzeren Berufserfahrung geringer ausfallen.

Erwerbstätigenquote von Geflüchteten: Frauen stehen deutlich schlechter da

Zwischen den Geschlechtern zeichnet sich immer noch ein erhebliches Gefälle ab. Während 67 Prozent der männlichen Geflüchteten sechs Jahren nach der Ankunft erwerbstätig sind, sind es bei Frauen 23 Prozent. Nach acht und mehr Jahren Aufenthalt in Deutschland übertrifft die Erwerbstätigenquote der geflüchteten Männer mit 86 Prozent die durchschnittliche Quote der männlichen Bevölkerung in Deutschland (81 Prozent). Dagegen liegt die Erwerbstätigenquote der geflüchteten Frauen mit 33 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung (72 Prozent).

Abbau institutioneller Hürden fördert die Arbeitsmarktintegration

„Die institutionellen und politischen Rahmenbedingungen sind entscheidend für die Arbeitsmarktintegration. So geht die Beschleunigung der Asylverfahren und schrittweise Reduzierung der Fristen für Beschäftigungsverbote mit einem Anstieg der Erwerbstätigenquoten der Geflüchteten einher“, sagt IAB-Forschungsbereichsleiter Herbert Brücker. Die IAB-Analysen zeigen, dass Wohnsitzauflagen die Erwerbsaufnahme beeinträchtigen und eine Unterbringung in Aufnahmeeinrichtungen in einem besonders starken negativen Zusammenhang mit der Arbeitsmarktintegration steht. Für Männer, die in solchen Gemeinschaftsunterkünften leben, ist die Wahrscheinlichkeit erwerbstätig zu sein um 5 Prozentpunkte geringer, für Frauen um 3 Prozentpunkte.

Integrationsmaßnahmen und Willkommenskultur wirken sich positiv aus

„Insbesondere Frauen profitieren von den Integrationskursen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge und vom Abschluss berufsbezogener Sprachkurse. Ebenso steht die Arbeitsmarkt- und Berufsberatung der Jobcenter und Arbeitsagenturen in einem positiven Zusammenhang mit den Erwerbstätigenquoten. Ein früherer Beginn dieser Maßnahmen könnte die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten beschleunigen“, so IAB-Forschungsbereichsleiterin Yuliya Kosyakova.

Die Chancen für die Arbeitsmarktintegration wird auch durch die Aufnahmebereitschaft in der Bevölkerung mitbestimmt. Hier gibt es offenbar noch Nachholbedarf. Anfänglich fühlten sich viele Geflüchtete in Deutschland willkommen – etwa zwei Drittel bewerteten ihr Willkommensgefühl mit dem Höchstwert auf einer Skala von eins bis fünf.  Diese Wahrnehmung nahm allerdings mit zunehmender Aufenthaltsdauer ab: Ein Jahr nach dem Zuzug empfanden 57 Prozent der Geflüchteten ein starkes Willkommensgefühl, fünf bis sechs Jahre nach dem Zuzug waren es noch 44 Prozent und nach sieben und mehr Jahren 28 Prozent.

Beschäftigung von Geflüchteten als Potenzial gegen Fachkräftemangel

Der Zugang zum Arbeitsmarkt gilt als wesentlicher Faktor für Integration. Während geflüchtete Menschen so die Möglichkeit erhalten, die deutsche Sprache zu erlernen, eine finanzieller Grundlage für ihren Lebensunterhalt zu erlangen, soziale Kontakte zu knüpfen und ihre fachlichen Kompetenzen einzubringen und auszubauen, bietet die Intergration Unternehmen die Chance, dem Fachkräftemangel zu begegnen und Diversität im Unternehmen zu fördern. 62 Prozent der Unternehmen in Deutschland sehen in der Einstellung Geflüchteter die Chance, den Arbeits- und Fachkräftemangel im eigenen Betrieb zu verringern. Das geht aus einer Befragung der Bundesagentur für Arbeit in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Personalführung hervor.

44 Prozent der befragten Unternehmen setzen sich nach eigener Aussage dementsprechend intensiv damit auseinander, wie sie Geflüchtete mit geringen Deutschkenntnisse einstellen können. Als primäre Voraussetzung betrachten sie den Abbau von Sprachbarrieren - gemeint sind damit nicht nur Sprachkenntnisse, sondern z. B. auch die Übersetzung behörderlicher Unterlagen, der Zugang zu Dolmetscherdiensten und Arbeitsverträge in der jeweiligen Muttersprache. Die bedeutendste Herausforderung bei der Integration von Geflüchteten sehen die Unternehmen in den Bereichen Sprache (91 Prozent), Schwierigkeiten mit Behörden (63 Prozent), komplizierte Verfahren (58 Prozent) und hoher Betreuungsaufwand (55 Prozent).

Mehr Menschen mit Migrationshintergrund könnten arbeiten

Insgesamt könnten noch deutlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten und damit zur Lösung des Fachkräftemangel beitragen. Da die rund 24 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland im Schnitt relativ jung seien, könnten gerade unter ihnen mehr Arbeitskräfte gewonnen werden, wie aus einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden hervorgeht. Datengrundlage für diese Studie ist der Mikrozensus.

Bildungsniveau von Menschen mit Migrationshintergrund steigt, hinkt aber immer noch hinterher

Bei 15-Jährigen zeigt sich demnach ein Trend zu höheren Schulabschlüssen. Von 2013 bis 2022 sei der Anteil von Gymnasiastinnen mit Migrationshintergrund von 30 auf 38 Prozent gestiegen. Bei gleichaltrigen Mädchen ohne ausländische Wurzeln habe diese Quote 2022 mit 47 Prozent aber deutlich höher gelegen. Ähnliche Unterschiede zeigten sich bei 15 Jahre alten Jungen, wenn auch auf niedrigerem Niveau.

Unter den 25-Jährigen mit Migrationshintergrund gibt es der Studie zufolge auch eine steigende Zahl mit dem Abitur in der Tasche. 2022 hatten 46 Prozent der Männer unter ihnen und 59 Prozent der Frauen Abitur. Im Vergleich zu 2013 war der Anteil dieser Männer damit um 6 Prozentpunkte und derjenige der Frauen um 10 Punkte gestiegen. Gleichaltrige beider Geschlechter ohne ausländische Wurzeln kamen indes noch immer auf einen fast zehn Punkte höheren Anteil.

Zunehmende Zahl von Migranten ohne Schulabschluss

Gleichzeitig gibt es aber unter Migrantinnen und Migranten auch eine zunehmende Zahl von Menschen ohne Schulabschluss. Während 2022 bei den 25-Jährigen ohne Migrationshintergrund laut BiB nur 3 Prozent der Männer und 2 Prozent der Frauen ohne Schulabschluss waren, lagen bei Gleichaltrigen mit ausländischen Wurzeln die Vergleichswerte mit 12 Prozent (Männer) und 10 Prozent (Frauen) deutlich höher. 2013 hatte diese Quote in beiden Gruppen laut der Studie noch jeweils 6 Prozent betragen.


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