"Ohne Führung wird Transformation nie gelingen"
Politik, Gesellschaft und Wirtschaft sind transformationsmüde. Bald erscheint Ihr Buch über "Transformation. Theorie und Praxis für die Führung". Fürchten Sie, damit zu spät zu kommen?
Wolf Lotter: Nein, wir sind keine Sekunde zu spät. Was Sie beschreiben, ist vielmehr der Beweis dafür, wie notwendig solch ein Buch ist. Denn bis heute ist ja gar keine Transformation passiert. Wir reden nur sehr betulich darüber seit Jahren, getan haben wir wenig. Transformation heißt, dass die Verhältnisse in den Unternehmen neu geordnet werden. Dass die Menschen die Arbeit neu verstehen und zweitens Führung neu verstehen. Und drittens, das ist das Wichtigste, erkennen, was die Menschen in einem Unternehmen selber machen müssen, damit sie selbstbestimmter und selbstständiger arbeiten. All das sehe ich bislang überhaupt nicht.
Deswegen verstehe ich auch nicht, wo die skizzierte Müdigkeit herkommt. Es gibt diese besondere Art der Sonntagnachmittagsträgheit, wo man nichts tut und vor lauter Nichtstun immer müder wird. Ich denke, wir sind Zeugen eben dieser Form der Müdigkeit, denn von der Transformation kann sie nicht kommen.
Oliver Sowa: Ich sehe den Grund für die Müdigkeit, die ich auch wahrnehme, ebenfalls darin, dass wir seit Jahren über das Thema reden und nahezu niemand weiß, wie Transformation konkret funktioniert. Deswegen kommt der ganze Komplex im Alltag der Menschen nicht an.
Haufe Impulse: Transformation Wie unterscheidet man langfristig sinnvolle Transformationspotenziale von kurzweiligen Trends? Und in welcher Beziehung steht die Veränderung von Unternehmen und Arbeit zu aktuellen Herausforderungen wie Fachkräftemangel oder Digitalisierung? Wolf Lotter, Publizist, Autor und Denker der Wissensgesellschaft, und Oliver Sowa, Geschäftsführer eines großen mittelständischen Investitionsgüterhändlers, präsentieren Antworten auf diese und viele weitere Fragen. Wann und wo?
13:30 - 19:30 Uhr, Memox Eschborn
13:30 - 19:30 Uhr, Tabakfrabrik Linz Weitere Informationen und Anmeldung zum Early Bird-Preis von 249 Euro |
Dann werden wir konkret. Wie definieren Sie Transformation?
Sowa: Transformation ist kein Selbstzweck. Ziel ist, die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen zu sichern. Produkte und Dienstleistungen, ob analog oder digital, sind austauschbar. Sie machen nicht den Unterschied aus für den Kunden. Was wirklich über den Markterfolg entscheidet, sind die Menschen, die die Organisation bilden. Die Menschen schaffen Kundennähe und Kundenorientierung. Aber sehr viele Unternehmen sind wegen der vertikalen Abteilungssilos und wegen der ganzen internen Verregelung und Bürokratie im Kern kundenfeindlich gebaut. Transformation bedeutet für mich, Unternehmen architektonisch wieder so zu gestalten, dass sie einen echten Mehrwert für den Kunden schaffen. Und bei diesem Umbau alles abzuschaffen, was keinen Wert schafft.
Wissensökonomie und Innovation
Lotter: Ein praktisches, aktuelles Beispiel für das, was Oliver gesagt hat, ist für mich die Art und Weise, wie Unternehmen und Menschen mit künstlicher Intelligenz umgehen – oder, noch genauer, mit Digitalisierung generell. Wir können nicht erwarten, dass neue Technologien in alten Strukturen aus der Industriegesellschaft die Ergebnisse liefern, die wir von ihnen erwarten. In einer Welt, in der oben der Chef steht, darunter der Mittelbau und darunter wiederum die Mitarbeitenden, die fleißig wie Ameisen das tun, was ihnen gesagt wird, kann man so viele KI-Agenten einsetzen, wie man möchte – es wird nicht funktionieren. Weil die Strukturen nicht dafür gemacht sind, weil sie nicht zur Technologie passen und noch weniger zur Wissensökonomie, die sich seit langem entwickelt. Dieses Scheitern beobachten wir seit Jahrzehnten, es ist nichts Neues.
Transformation ist kein Selbstzweck. Ziel ist, die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen zu sichern. – Oliver Sowa
In der Wissensökonomie geht es darum, Menschen ihre Arbeit machen zu lassen, ihnen die Möglichkeit zu geben, Ideen zu entwickeln und die dann umzusetzen. Teilweise höchst individuell. Natürlich auch gern mithilfe von KI und anderen Werkzeugen. Doch diese Art von Arbeit braucht andere Strukturen als die Massenfertigung von Produkten. Und solange ein Unternehmen solche neuen Strukturen und Prozesse nicht hat, ist Digitalisierung rausgeschmissenes Geld. Keine Transformation. Vielleicht liegt in dem jahrzehntelangen Ringelreihen um das Thema ein weiterer Grund für die genannte Transformationsmüdigkeit. Wir reden und reden, damit wir sie nicht machen müssen.
Wie schaffen wir aber jetzt den Sprung vom Reden ins Tun?
Sowa: Indem wir die Dinge konkret machen. Wir müssen unsere Flughöhe von 10.000 Meter verlassen und auf den Boden der Unternehmenswirklichkeit zurück. Aber davor ist noch ein Schritt notwendig: Unternehmensleitungen müssen sich klarmachen, mit welchem Menschenbild sie agieren. Sind sie nur Mittel zum Zweck oder erwachsene Menschen, die etwas bewegen wollen im Leben? Denn mit der Antwort auf diese Frage hängt unmittelbar zusammen, ob man bereit ist, die Verregelung abzubauen und die Entscheidungskompetenz zu den Menschen zu bringen, die die Fachkompetenz haben und nah am Kunden sind. Damit diese horizontal miteinander ihren Job machen können.
Lotter: Um im Bild vom Fliegen zu bleiben: Wir müssen den Autopiloten ausstellen und lernen, wieder selbst zu steuern. Das heißt, Unternehmen müssen sich klarmachen, warum sie die Transformation angehen. Auf dem Boden der Unternehmenswirklichkeit ankommen bedeutet, Inventur zu machen. Wer sind wir? Wozu gibt es uns? Was haben wir? Wo stehen wir? Es geht um Klartext. Tun wir, was wir tun, weil es alle tun oder weil wir die Probleme erkannt haben – sei es im Recruiting, sei es beim Marktanteil, sei es bei der Produktqualität? Die Unternehmensleitung muss ihr Unternehmen wirklich kennen(lernen) und ehrliche Antworten auf die eigenen Fragen suchen.
Sowa: Und diese Antworten findet sie eben nicht auf dem klassischen Weg im Austausch mit den Direct Reports in monatlichen Regelterminen. Die Antworten gibt es nur, wenn die Amtsinhaber wirklich in die Prozesse in der Organisation eintauchen, dorthin gehen, wo die Arbeit gemacht wird. Sich die Zeit nehmen, genau zuzuhören. Dann kommt alles, was bis dato unter den Teppich gekehrt wurde, ans Licht. Auf Unternehmensleitungsebene braucht es endlich den Mut, diese Dinge zu erkennen und klar anzusprechen. Und Hindernisse abzuschaffen oder Dinge ganz anders zu machen und da klar abzuschaffen oder anders zu machen.
Ehrlichkeit ist nicht harmonisch. Alles muss auf den Tisch, erst dann kann die Transformation starten. – Wolf Lotter
Lotter: In der Regel fehlt dieser Mut zur Klarheit. Immer soll es in größtmöglicher Harmonie ablaufen, niemand soll verschreckt werden. Aber Ehrlichkeit ist nicht harmonisch. Alles muss auf den Tisch, erst dann kann die Transformation starten. Wobei es weniger um eine Verwandlung geht – denn das bedeutet Transformation wörtlich – sondern darum, dass Unternehmen an seinen Anfang zurückzuführen. Dieses Offenlegen kann manchmal sehr schmerzlich sein, weil dabei deutlich wird, was man nicht mehr braucht und auch, wen man nicht mehr braucht, um das einmal klar zu sagen. Es wird erkennbar, was an diese Stelle rücken kann. Wenn Organisationen mit großer Offenheit damit umgehen, muss es aber kein negativer Prozess sein, denn dann schafft sie etwas Neues.
Sowa: Der ganze historische Ballast in den Unternehmen kommt in der Regel von oben nach unten und von innen nach außen. Unternehmen haben über die Jahre immer mehr vergessen, wofür sie gegründet wurden: Jeden Tag einen Mehrwert zum Kunden zu liefern. Bei der Transformation geht es im Kern darum, vom Kunden her von außen nach innen zu denken und in der Folge alles abzuschaffen, was diesem Unternehmenszweck entgegensteht. Das ist die Aufgabe von Führung. Nicht managen und verwalten, sondern die störenden Dinge zu sehen, anzusprechen, zu verändern und aus dem Weg zu schaffen.
Transformation braucht Klarheit
Ihr Buch trägt den Untertitel "Theorie und Praxis für die Führung". Welche Bedeutung hat Führung in der Transformation?
Sowa: Sie ist essenziell. Ohne Führung wird Transformation nie gelingen. Führung muss die Transformation denken, anstoßen, begleiten, steuern.
Lotter: Führung in der Transformation ist Leadership. Menschen, die den Rahmen setzen dafür, dass andere Leute sich gut entwickeln und gut arbeiten können. Das ist der fundamentale Unterschied zwischen alter und neuer Organisation. Im Moment bewegen wir uns wieder in Richtung alte Organisationen, weil viele Manager und Führungskräfte verunsichert sind und nicht verstehen, in welcher Situation sie sich befinden. Nämlich in der Situation, dass die Mitarbeitenden mehr über die Arbeit wissen als sie selbst. Das ist eine bittere Einsicht, die viele nicht wahrhaben wollen. Führung ist kein Privileg, keine Auszeichnung, sondern eine Dienstleistung für die Organisation. Die Dienstleistung besteht darin, sicherzustellen, dass die Menschen, die die Organisation teuer eingekauft hat, bestmöglich arbeiten können im Sinne der Organisation. Das ist das Ziel. So definieren wir eine gute Organisation.
Führung in der Transformation ist Leadership. Menschen, die den Rahmen setzen dafür, dass andere Leute sich gut entwickeln und gut arbeiten können. – Wolf Lotter
Entscheidend für Führung in diesem Verständnis ist größtmögliche Klarheit. Meine nun auch schon 40-jährige Berufserfahrung hat mir immer wieder gezeigt, dass die meisten Schwierigkeiten aus Missverständnissen entstehen. Weil Dinge im Vagen gehalten werden, im Unverbindlichen, in dem alle vor sich hinwurschteln. Da liegen die eigentlichen Probleme, da entwickeln sich Mitarbeitende und Führungskräfte auseinander, und da wird Vertrauen verspielt. Führung hat den Auftrag, den Prozess anzustoßen, in dem die Organisation sich auf ihre Ziele verständigt, und diesen Prozess zu begleiten. Der Auftrag lautet nicht, die Ziele anzuordnen, das ist vorbei.
Im Moment erleben wir das Gegenteil, eher eine Transformation nach gestern als ins Morgen: klare Vorgaben, kleinteilige Kontrolle, zentralisierte Entscheidungskompetenzen. Ist das eine Übergangserscheinung?
Sowa: Das ist ein Ausdruck von Verwirrung. Ein Versuch, den vielen Unklarheiten und Unsicherheiten zu begegnen. Ich bin sicher, dass das in den allermeisten Fällen nicht in böser Absicht geschieht, sondern weil die Klarheit fehlt, dass es immer nur um den Nutzen für den Kunden geht. Und weil diese Klarheit fehlt, verschlechtern sich die Umstände – Umsätze und Marktanteile sinken, die Kündigungsquote steigt, das ganze Elend. Dann zieht man die Zügel an und macht damit alles nur noch schlimmer.
Lotter: Als ich mit 15 Jahren an der Handelsschule war, hat unser Lehrer uns gefragt, was ein Inhaber eines Tante-Emma-Ladens macht, wenn die Geschäfte schlecht laufen. Wir Schüler haben alle möglichen Ideen in den Raum gestellt – mehr Werbung, Preise erhöhen oder senken, das Sortiment verändern … Die richtige Antwort war: Er macht mehr von dem, was ihn in die missliche Lage gebracht hat. Das ist der Fehler, und genau das macht jetzt das Management
Bei der Transformation geht es um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens, haben Sie gesagt. Wie wichtig ist es, ein konkretes Bild von dieser Zukunft zu haben?
Sowa: Ich bin skeptisch, wenn es um Zukunftsbilder geht. Ich spreche lieber davon, dass man wissen muss, in welche Himmelsrichtung man gehen möchte. Und dann muss man sich auf den Weg machen. Der Weg ist das Ziel, denn es gibt keinen definierten Endpunkt, der Weg ist endlos.
Ich bin skeptisch, wenn es um Zukunftsbilder geht. Ich spreche lieber davon, dass man wissen muss, in welche Himmelsrichtung man gehen möchte. – Oliver Sowa
Lotter: Alle reden immer von Visionen und über die Zukunft sowieso, aber wir müssen im Hier und Jetzt handeln. Wir sind Gegenwartsmenschen. Bilder malen von einer Zukunft in 15 oder 20 Jahren hindert uns daran, jetzt zu handeln. In meinen Augen ist das eine gewisse geistige Faulheit. Jeder Plan, jede Strategie, jede Vorstellung von Zukunft braucht ein Fundament, auf dem ich mich bewegen kann. Aber ich muss mich bewegen.
Sowa: Niemand weiß, was in drei, vier, fünf Jahren sein wird. Unser einziger Berührungspunkt mit der Wirklichkeit ist die Gegenwart. Zukunftsvisionen und Zielbilder sind weitgehend Managementklamauk und spätestens dann obsolet, wenn sie mit der Realität in Berührung kommen. Das Problem ist, dass Unternehmen an ihren mühsam erarbeiteten, aus den Zukunftsvisionen abgeleiteten Strategien festhalten, denn es war teuer, sie zu finden. Doch das macht das Elend nur noch größer. In dieser komplexen, volatilen Welt kann man langfristige Strategien vergessen. Wichtig ist, dass man weiß, in welche Himmelsrichtung man läuft, dann wird man sehen, was passiert. Und muss dann situationsbezogen und agil darauf reagieren.
Philipp K. Dick hat gesagt, die Realität gehe nicht weg, nur weil man nicht an sie glaube. Irgendwann werden wir das verstehen. – Wolf Lotter
Wie hoffnungsfroh sind Sie, dass diese Transformation trotz allem gelingen kann?
Lotter: Ich bin sehr optimistisch. Nicht, weil ich an das Gute glaube, sondern weil ich denke, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem es ohne eine grundlegende Veränderung nur noch abwärts gehen wird. Das erleben wir ja seit vielen Jahren schon. Wenn man sich dieser Realität verschließt, was viele immer noch tun, wird es noch tiefer und noch härter nach unten gehen. Philipp K. Dick hat gesagt, die Realität gehe nicht weg, nur weil man nicht an sie glaube. Irgendwann werden wir das verstehen.
Sowa: Ich schwanke immer zwischen mehr Zuversicht und weniger Zuversicht. Aber ich sehe es wie Wolf, es gibt es keine Alternative. Manchmal muss der Schmerz groß sein, damit man sich bewegt, und für nicht wenige sind die Schmerzen anscheinend noch nicht groß genug. Bleibt die Frage, ob man noch genug Zeit zum Handeln hat, wenn der Schmerz dann da ist. Aber ich habe den Eindruck, dass eine wachsende Zahl von Menschen sich mit den diskutierten Themen auseinandersetzen verstehen, worum es geht.
Das Buch "Transformation. Theorie und Praxis für die Führung" von Wolf Lotter und Oliver Sowa erscheint am 30.9.2025 bei Haufe und kann jetzt vorbestellt werden. |
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