Per Computerspiel zum virtuellen Stadtplaner
Angenommen, Sie sind Stadtplaner. Ihre Stadt will eine zentral gelegene Grünfläche für Wohnbebauung freigeben. Gut, weil qualitativ hochwertiger städtischer Wohnraum entsteht. Schlecht, weil diese Freifläche bei den Bewohnern beliebt ist. Oder Sie sind Projektentwickler und Eigentümer einer größeren brachliegenden Liegenschaft. Sie wollen diese restrukturieren, Teilgrundstücke verkaufen oder selbst bebauen.
In beiden – und in noch viel mehr – Fällen stehen Sie dann vor der Frage: Wie können wir kostengünstig unterschiedliche Nutzungs- und Anbindungs-Szenarien ausprobieren? Und wie lassen sich Stadtbewohner und Anlieger oder auch Verwaltung und Politik noch besser oder frühzeitiger in den Prozess integrieren? Herkömmliche Computerspiele können hier ein effizienter Lösungsansatz sein, um gute Antworten zu finden. „Cities: Skylines“ ist eines davon. Wir haben es getestet.
Was kann die Simulation mit Blick auf Stadtplanung leisten?
Die Simulation ermöglicht, viele Varianten für den klassischen Bau und die Gestaltung der Städte durchzuspielen. Sie macht Schwächen und Vorteile der Stadtentwicklung rasch deutlich und beinhaltet auch das Management der Stadt. So gewinnt der Spieler im Rollenwechsel vom Erbauer zum Optimierer, Manager und Politiker auch Einsichten und Verständnis für die jeweils andere Sichtweise.
Am Anfang steht der Bau der Stadt, wahlweise am Meer, an einem Fluss oder in einer Hügellandschaft. Der Spieler entwirft eine vernünftige Verkehrsanbindung, die Ver- und Entsorgung, wählt fossile und regenerative Energieträger, gestaltet das Straßennetz und die gesamte Infrastruktur von Müllabfuhr über Feuerwehr bis zum WLAN-Netz und zu Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, Sportanlagen und Kulturstätten. Was die Darstellung betrifft, sind wenig Grenzen gesetzt.
Sehr realistisch ist der klassische Städtebau, von Einfamilienhaus-Siedlungen bis zu Wolkenkratzern, von Bürotürmen mit Klimaanlagen auf dem Dach über Betriebe der Land- und Forstwirtschaft, Logistik- und Industriegebäude bis zu Geschäften, Restaurants, Strandcafés, Hotels und Grünanlagen samt Parkbänken und Wasserflächen. Sehr ausgeklügelt ist das Thema Verkehr: Der Spieler kann schalten und walten, was eine moderne Stadt hergibt. Straßenführungen vom Boulevard bis zur Einbahnstraße vorsehen, Ampeln regeln, Mautgebühren erheben, die die Einnahmen der Stadt beeinflussen, öffentliche Verkehrsmittel, Elektroautos und sogar Sightseeing-Busse für Touristen einsetzen.
Insgesamt ist der Spieler gefordert, mit einem vernünftigen Mix der Arbeitswelt, mit ausgewogener Besteuerung, mit durchdachter räumlicher Platzierung aller Bereiche, mit einem attraktiven Stadtbild und mit guter Luft für Beliebtheit, ausreichend Arbeitsplätze, hohe Einkommen und gute Lebensqualität zu sorgen; gleichzeitig ausreichend Steuereinnahmen zu generieren und sinnvolle Einsparungsmaßnahmen vorzunehmen, um genügend Haushaltsmittel für neue oder verbesserte Infrastruktur zur Verfügung zu haben. Das Besondere ist also, dass es nicht genügt, einfach nur Wohnungen und Büros zu bauen. Man muss übergreifend denken. Ein Erfordernis, das auch in der realen Welt oft genug unterschätzt wird.
Wie klappt der Transfer von der virtuellen in die reale Welt?
So wird ein spielerisches Verständnis für viele Facetten des Stadtlebens und für den Schutz der Stadt und deren Attraktivität – ein Konvolut aus wirtschaftlichem Erfolg, Wohlbefinden, Gesundheit, Lebensqualität, Bildung und Glück der Bewohner – geschaffen, indem man den Plan einer realen Stadt, eines Stadtteiles oder eines Projektgebietes zugrunde legt.
Die finnische Stadt Hämeenlinna hat eindrucksvoll vorgemacht, wie das geht. Hämeenlinna liegt zwischen Helsinki und Tampere und zählt im Stadtkern etwa 45.000 Einwohner. Der Strategiemanager der Stadt, Juuso Heinisuo, hatte 2016 die Idee, einen Städtebau-Simulations-Wettbewerb über das Videospiel laufen zu lassen, und hat dies gemeinsam mit dem Stadtplaner Niklas Lähteenmäki, weiteren Partnern und dem Spieleentwickler umgesetzt. Nach dem Einsendeschluss beurteilte eine Jury, bestehend aus Politik, Stadtverwaltung, Architekten und Stadtplanern, die eingereichten Designs nach Neuheit, Originalität sowie Machbarkeit und vergab Preise.
Welchen Nutzen bringt das Spiel für die Stadtentwicklung?
Hämeenlinna sieht sein Ziel, den Bewohnern eine neue Form von Engagement und Einbeziehung in die Stadtentwicklung zu ermöglichen, als voll erreicht an. Zudem wirkte es auch als Werbung in eigener Sache: Die Aufgaben und die Komplexität von Stadtplanung konnten für die Bürger greifbar gemacht werden, nicht nur für die Erwachsenen, sondern auch für den Nachwuchs als Thema im Unterricht.
Zudem half das Spiel, die wichtigsten Bedürfnisse der Menschen zu erfassen, kostengünstig viele unterschiedliche Szenarien durchzuspielen, dabei auch Verrücktes und Undenkbares virtuelle Realität werden zu lassen und Querdenken ausdrücklich zuzulassen. Die Stadtverantwortlichen erhielten aus der Aktion wertvolle Impulse für aktuelle und künftige Projekte.
Der vollständige Artikel erschien im Magazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 10/2019.
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