Digitale Ökosysteme: Den Erfolg nicht dem Zufall überlassen
Mit Kooperationen Innovation schaffen: Diesen Ansatz hat sich die Immobilienwirtschaft zu eigen gemacht. Etablierte Unternehmen und meist junge Tech-Anbieter setzen sich gemeinsam mit digitalen Lösungen auseinander und schaffen so Mehrwerte. Und das ist dringender denn je.
Denn aktuell verfehlt der Gebäudesektor in Deutschland als einziges Wirtschaftssegment die angestrebte Reduktion an Treibhausgasen. Weltweit sind Gebäude und Bauwerke für 39 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, gleichzeitig fließen jedoch nur sechs Prozent der Klima-Tech-Investitionen in die bestehende gebaute Welt. Damit steht das Investitionsvolumen in die Nachhaltigkeit in einem Missverhältnis zum globalen Impact der CO2-Emissionen von Gebäuden.
Klimaschutzgesetz erhöht den Handlungsdruck
Die Offenlegungs- und die Taxonomie-Verordnungen der Europäischen Union sehen umfassende neue ESG-Berichtspflichten auf Unternehmens- und Produktebene vor. Somit wird auch nachhaltiges Bauen, Renovieren und Bewirtschaften zur Pflicht. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum deutschen Klimaschutzgesetz von Ende April 2021 erhöht zudem den Handlungsdruck. Das Gericht hat entschieden, dass das Klimaschutzgesetz in Teilen verfassungswidrig ist, weil dadurch "hohe Emissionsminderungslasten unumkehrbar auf Zeiträume nach 2030" verschoben würden. Das Urteil zeigt klar auf: Die Transformation "from grey to green" kurzfristig umzusetzen, hat jetzt Priorität.
Klar ist auch: Die anstehende Transformation hin zu flexibel nutzbaren und nachhaltigen Immobilien kann nur mithilfe digitaler Technologien realisiert werden. Und es eilt. Denn Bestandsimmobilien drohen in den nächsten fünf bis zehn Jahren aufgrund wachsender CO2-Kosten und hoher ESG-Anforderungen drastisch an Wert zu verlieren.
Potenzial digitaler Ökosysteme ist enorm
Energetische Sanierungsstaus werden im Portfolio-Wert schmerzlich spürbar und zukünftig zu einem noch stärkeren Hindernis in Verkaufsprozessen. Um als Eigentümer adäquat reagieren zu können, fehlen am Markt derzeit aber noch die passenden Angebote beziehungsweise diese sind nur in "Einzelteilen" vorhanden. Hier wird das Potenzial digitaler Ökosysteme deutlich.
Die Kooperationen zwischen etablierten Unternehmen und PropTechs lassen sich auf vielfältige Art ausgestalten. So können beide Parteien gemeinsam an einer speziellen Lösung arbeiten oder aber ihr Geschäftsmodell durch neue Segmente, Produkte oder Dienstleistungen erweitern. Die Art der Zusammenarbeit und der Aufbau des Ökosystems richten sich immer nach der Frage, welche Produkte und Services der Markt benötigt. Am Anfang steht daher stets das Gespräch mit dem Kunden über seine Ziele. Dabei kann zum Beispiel die Implementierung einer digitalen Lösung, mit der CO2-Emissionen eingespart werden, oder die Umrüstung einer Immobilie zu einem flexiblen smarten Wohnprojekt als Anforderung definiert werden.
Digitales Ökosystem: individuell oder standardisiert?
Im zweiten Schritt ist zu klären, ob der Kunde ein individuelles digitales Ökosystem benötigt oder eher eine standardisierte Ready-to-deploy-Lösung. Gerade größere Immobilienunternehmen entscheiden sich oft für individuell zusammengestellte Angebote, da sie die besonderen Anforderungen schon etablierter System-Partner – wie SAP oder sonstige IT-Systeme – haben. Für diese Anforderungen an die Anwendung können dann eigene, variable und offene Ökosysteme entwickelt werden, die bestimmte Problemfelder adressieren.
Alternativ dazu steht das standardisierte Angebot. Hier wird auf der Technologie-Ebene ein Produktkatalog entwickelt, der die Funktionen und Leistungen verschiedener Anbieter integriert und anhand dessen der Kunde die Lösungen, die er benötigt, gezielt auswählen kann.
Bei der Zusammenstellung des Katalogs wird bei der Vorauswahl an Themen und PropTech-Partnern für jeden Leistungsbereich das Angebot nach dem Kriterium geprüft, welcher Tech-Anbieter die Wertschöpfungskette auf seinem "Turf" am besten abbildet. Der Vorteil für den Kunden: Er hat Zugriff auf ein integriertes, lieferfähiges End-to-End-Angebot auf Basis von bewährten Lösungen, die von eingespielten Teams umgesetzt werden.
Smarte Technologien: DSGVO-Rechtsberatungen im Blick?
Neben der Technologie-Ebene können die Partner eines digitalen Ökosystems auch weitere Leistungsblöcke anbieten, wie zum Beispiel Finanz-, Rechts-, Datenhaltungs-, Datenschutz- und Datensicherheits-Leistungen. In diesen Bereichen wächst der Bedarf zunehmend. So sorgen etwa die energetischen Sanierungsmaßnahmen, die Eigentümer in den kommnenden Jahren angehen müssen für ein enormes Markt- und Umsatzpotenzial. Außerdem entsteht für sie damit auch ein hoher Finanzierungs- und Liquiditätsbedarf. Daher können als weiteres Element des Produktkatalogs auch Banken mit auf die nötigen Maßnahmen abgestimmten Finanzierungsangeboten einbezogen werden.
Ebenso werden Rechtsberatungen im Hinblick auf die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) immer wichtiger, denn digitale Technologien erzeugen auch eine Vielzahl an personenbezogenen Daten, die für smarte Anwendungen im Gebäude benötigt werden. Für die Arbeit mit den benötigten Daten muss ein rechtssicherer Rahmen geschaffen werden, damit Immobilieneigentümer nicht gegen die strengen DSGVO-Richtlinien verstoßen. Anwaltskanzleien sind ein wichtiger Baustein im Ökosystem.
Fazit: Ohne digitales Ökosystem keine nachhaltigere Immobilienbranche
Unabhängig von ihrer konkreten Ausgestaltung: Digitale Ökosysteme sind unerlässlich für eine zukunftsfähige Immobilienwirtschaft. Denn nur durch den Einsatz von Technologien werden wir die Branche flexibler, individueller und ökologisch wie ökonomisch nachhaltiger gestalten können.
Die Herausforderungen, die die Ökosysteme betreffen, sind groß, doch genauso gewichtig ist die Aussicht, die Immobilienbranche in neue Fahrwasser zu bringen. Gegenüber dem klassischen Set-up in der Old Economy bietet das Ökosystem die Chance der Choreografie von "Schnellbooten", von denen jedes einzelne Boot unternehmerisch eigenverantwortlich und damit wendig und marktnah bleibt. Entscheidend ist ein gemeinsamer Kompass, damit die Vielzahl dieser Schnellboote auch gemeinsam navigieren kann und zu einer schlagkräftigen Flotte wird.
Der Artikel ist zuerst erschienen im Fachmagazin "Immobilienwirtschaft" (Ausgabe 06/2021).
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